Filmen mit Gimbal

Drei schnelle, leise Motoren in drei Achsen, kombiniert mit Lagesensoren: Das ist ein „Gimbal“. Seine einzige Aufgabe: „Grade halten“.

„Früher“ habe ich viel und gern gefilmt, angefangen mit „Super 8“. Da war das Material teuer, brauchbare Technik noch teurer, das Erstellen eines ansprechenden Films ein Projekt für Monate. Heute kann jedes Mobiltelefon Video-Filme machen. Was zu einer Film-Schwemme führt, die mir ins Bewusstsein drängt, dass Hürden vor einem Ziel für die Allgemeinheit eine Schutzfunktion haben können.

Die „kardanische Aufhängung“ – genau das ist die Funktion eines Gimbal – ist schon seit vielen hundert Jahren bekannt. Im Film gab es die ersten Lösungen um 1930 herum, aus denen sich die Steadicam-Technik entwickelte. Für kleine Video-Kameras oder ganz besonders Mobiltelefonen ist das Kernproblem die sehr geringe Masse. Da kommen die Sensoren und Motoren ins Spiel.

Die Technik ist massentauglich geworden. Es gibt mittlerweile Lösungen für sehr kleines Geld. Deshalb habe ich mich mit den Grundlagen beschäftigt, die sich über diverse Quellen verteilen. Auslöser war der zufällige Fund des „Moza Mini-S“-Gimbal (~40 €), der in den einschlägigen Quellen positive Rezensionen bekommen hat.

Was ich schmerzlich vermisst habe ist die Schriftform. Die meisten Videos vergraben wenig Information in endlosen Monologen. Die subjektiv nützlichen Erkenntnisse daraus habe ich eingedampft und aufgeschrieben. Das Wesentliche lässt es sich in einen Satz zusammen fassen:

Es gilt die Grundregel für alles, was mit Fertigkeiten zu tun hat: Üben, üben, üben.

Erkenntnisse

Gesammelt in unzähligen YouTube-Beiträgen:

  • Ein Smartphone-Gimbal ist kein „Wundermittel“. Einiges lässt sich verhindern oder dämpfen, doch es bleibt weiterhin mehr oder weniger störend sichtbar.

  • Laufen während einer Aufnahme ist durch das „auf und ab“ häufig weiterhin im Video zu sehen. Der Gimbal versucht das durch sanftes Ausgleichen der Bewegung abzumildern. Dadurch entsteht eine mehr oder weniger starke „Dühnung“, die Seekrank machen kann.

    • Wer sich mit einem Gimbal laufend selbst filmt, also im Zentrum des Bildes ist, bildet einen Ruhepunkt, da der Gimbal „mit mir geht“. Das mildert den „Schwingeffekt“ erheblich.
    • Im Entengang – leicht in die Knie gehen, kleine, gleichmäßige, möglichst sanfte Schritte – lässt sich das erheblich reduzieren. Sieht für Außenstehende zwar bescheuert aus, dafür das Ergebnis umso besser.
  • Die Motivwahl ist weiterhin die zentrale Herausforderung. Trotz des Umstands, dass er mit den Möglichkeiten eines Gimbal gefilmt wird, bleibt ein Backstein ein Backstein.

  • Durch mehr Technik wird die Aufmerksamkeit schneller vom Motiv abgelenkt. Es ist deshalb essentiell, sich mit der verwendeten Anwendung, den Einstellungen des Smartphones und der Bedienung des Gimbals ausgiebig auseinander zu setzen, bevor damit Aufnahmen gemacht werden, die womöglich sogar bei YouTube landen.

  • Weil es geht verlocken Möglichkeiten des Gimbal, die häufig keinen Gewinn für das Video darstellen. Bei der dritten Inception (eine „Rolle“ des Bildes) wird es öd, ebenso der exzessive Einsatz von Zeitraffer- und Zeitlupe-Aufnahmen. Wenn „Effekte“ und „Tricks“ zum Dauerzustand werden, nervt es schnell. Die beste Effekte sind die, die beim anschauen keiner als Effekt wahrnimmt.

  • Hohe Auflösung ist keine Qualitätsunterstützung. Eher das Gegenteil. Je höher die Bildauflösung wird, desto offensichtlicher werden handwerkliche sowie inhaltliche Defizite: Ein leichter Wackler wird zum Erdbeben, unreine Haut zu Lepra, ein unordentlicher Hintergrund zur Müllhalde.
    Höhere Schärfe kann für den Inhalt das Gegenteil bedeuten: In HD (1920x1080) ist es eine attraktive Frau, in 4k(3840x2160) ist es „die mit dem dicken Pickel“.

  • Klasse statt Masse macht ein Video attraktiver. Die mitgefilmte Vorbereitung für die Aufnahme lässt sich fast immer problemlos wegschneiden, ohne dass es die gewünschte Aussage des Films schmälert. Dafür wird der Film schon mal um bis zu 90% kürzer und für die Zuschauer erheblich attraktiver.

  • Regiseure haben ein Drehbuch. Zweifellos gibt es einmalige Situationen. Die „sind wie sie sind“. Gerade diese beweisen, dass der Inhalt den Ausschlag gibt.
    Allein auf Spontanität setzen wird für ein durchschnittlich intelligentes Publikum schnell anstrengend bis Interesse-tötend. Ein (grober) Plan (ggf. auch erst beim Schneiden des Films → ein must), was in welcher Reihenfolge kommt, ist ebenso qualitätssteigernd wie ein durchformulierter, abgelesener Text, der aus einer zusammen­gestammelten eine professionell(er)e Nach­ver­tonung des Films macht (→ kostenloser „Teleprompter“ bei NoSi.de).

  • Zeit ist eine kostbare Ressource. Sowohl die eigene als auch die der Zuschauer oder Leser.
    Das Lesen dieses Textes kostet einen leidlich Geübten knapp 4 Minuten. Ein Video wäre genauso lang, der Aufwand dafür jedoch ungemein höher. Es würde auf beiden Seiten erheblich mehr Ressourcen verbrauchen, ohne dass daraus ein konkreter Mehrwert entsteht.

    Der Umstand, dass ein Video vermeintlich einfacher als ein Text erstellt ist (s.o.: 10-Finger-Schreiben kann man üben…) schreckt in vielen Fällen Menschen vor einer darin versteckten Information ab. Eine Textpflege und -korrektur ist erheblich einfacher als die Korrektur eines Fehlers in einem Video.

Bei YouTube stehen die echten Informationen sowie Korrekturen häufig als Text darunter. Das Video selbst reduziert sich in vielen Fällen auf einen reinen Zeit-Konsumenten, in dem die Werbeeinblendungen für die Refinanzierung untergebracht und Zuschauer damit abgelenkt werden.

Das Bild stammt von Pixabay.


Nachtrag
Den oben geananten Gimbal habe ich zwischenzeitlich aus reiner Neugier angeschafft. Der Preis macht das interessehalber Herumspielen mit dieser Technik vertretbar.
Die Anleitung ist eine Katastrophe, es wird auf erschreckend schlecht gemachte offizielle Videos verwiesen. Die inhaltlich nützlichen Videos stammen von Privatleuten. Wobei diese fast durchgängig ein hohes Maß an Geduld und Leidensfähigkeit erfordern.
Um den gesammelten Erkenntnissen gerecht zu werden, gibt es hier kein Filmchen o.ä. denn vorweg muss ich üben, üben, üben. Von den erlangten Fertigkeiten und den damit erzielbaren Ergebnissen ist abhängig, ob daraus noch ein weiterer Artikel zum Thema wird.