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Flixtrain-Test

Erstellt: 05.06.2022 Lesedauer 4 - 5 Min.

Vorletzte Woche war für mich „Flixtrain-Premiere“. Für eine Fahrt von zu Hause nach Wiesbaden habe ich mich vor ein paar Wochen für ein Ticket des Alternativ-Anbieters entschieden. Aus mehreren Gründen.

Der primäre Grund war Neugier. Es war schlicht das pure Interesse, wie gut die Alternative funktioniert.

Die Anreise gestaltete sich etwas kompliziert. Mit der S-Bahn gegen die Richtung nach Oranienburg, von dort mit dem „Regionalexpress“ zum Hauptbahnhof Berlin. Geunauer: Tiefbahnhof. Das ist relevant, denn der Hauptbahnhof hat mehrere Ebenen, die Beschilderung – aus meiner vorpandemischen Erinnerung – ist redundanzfrei.

Deshalb war es sehr angenehm, dass der „Express“ auf Gleis 3 (tief) ankam, der „Flixtrain“ auf Gleis 4 (tief), also gegenüber abfuhr. Das ersparte einen Marathon über das Gelände, was im Berliner Hauptbahnhof primär »Treppen« bedeutet. Aufgrund einer sehr bizarren Erfahrung mit den Aufzügen dort, sind die für mich keine Option: Sie fuhren zwar, doch das mit dem Anhalten auf der gewünschten Ebene gestaltete sich unvorhersehbar.

Der „Flixtrain“ war ad hoc eine sehr angenehme Überraschung. Zwar waren alle Sitzplätze belegt, doch es lungerte niemand auf seinem Koffer sitzend in den Gängen herum, wie ich es von ICEs kenne. Bei Flixtrain klappt es offenbar mit dem Zählen, im Gegensatz zur Bundesbahn: Verkaufte Karten = Anzahl Plätze. Zumindest mein Wagon (aufgrund des „Füllstands“ habe ich keinen „Kontrolgang“ gemacht) ist blitzsauber, hat neue Sitze, neue Bezüge, frische Nackenstützen – allerdings ohne „Überzug“. Die Sitzneigung ist steil und „fix“ – das sollte noch wortwörtlich „spannend“ werden. Denn darüber hinaus ist der Abstand der Sitzreihen kompakt – „Beine lang machen“ ist nur sehr begrenzt möglich.

Den Flur als „Beinverlängerung“ erfordert hohe Aufmerksameit. Aus unklaren Gründen war die Sitzplatzreservierung aufgehoben. Freien Platz suchen, hinsetzen. Das war in Berlin noch eine bewältigbare Aufgabe. Für die später Zusteigenden war es ein Suchspiel. Sie durchwandern mit Gepäck einen vollen Zug von vorne nach hinten. Oder umgekehrt. Mit entsprechender Auswirkung auf alles, was in den Gang ragt oder zu knapp zum Gang auf den Tischen steht. Manche achten darauf, was sie dabei alles potenziell rammen könnten…

Zwischenzeitlich hatte sich herausgestellt, dass im Zug einige Reisende sind, die zwar eine Fahrkarte haben, doch die galt nur für die Bundesbahn. Eine Dame gegenüber aus der Schweiz war halt „in den Zug nach Stuttgart“ eingestiegen. Blöd, wenn auf Gleis 4 der Flixtrain steht bevor gegenüber auf Gleis 3 der ICE nach Stuttart einfährt. Für den hätte sie eine gültige Karte gehabt. Die Mitarbeiter bei Flixtrain behandelten das kulant: Keine Zwangsmaßnahmen, bitte nächste Station aussteigen. Bei Nachfrage, ob per Nachlösen eine Weiterfahrt möglich sei, war möglich. Sie prüften sogar vorher, ob das überhaupt weiterhilft. Bei der Bundesbahn bist du in so einem Fall per Definition „Schwarzfahrer“ und wirst auf jeden Fall sanktionirt.

Die Dame biß in den sauren Apfel und investiert zusätzlich rund 90 €, damit sie den gebuchten Anschluss-Zug in Heidelberg erreichen konnte. Ohne „Zwangsaufschlag“. Ein spontan erworbenes Bahnticket für die Strecke hätte mehr als das Doppelte gekostet, zuzüglich „Schwarzfahrer-Gebühr“ – also ein „Schnäppchen“.

Preise sind sowohl bei der Bahn als auch bei Flixtrain vom zeitlichen Abstand der Buchung zum Reisetermin abhängig. Was ein weiterer Grund für das Ausprobieren von Flixtrain war. Von Berlin nach Mainz habe ich knapp 23€ investiert, dazu noch zwei Regionaltickets für 3,80€ bzw. 3€, also rund 30€. Mit der Bahn hätte es – frühzeitig ohne Stornierungsmöglichkeit mit Sitzplatzreservierung rund 80 € gekostet. Ob der Mehrpreis verstellbare Sitze bei nahezu identischer Reisezeit wert gewesen wäre, würden mir mein Bandscheiben am Abend erzählen. Wobei es zwar technisch vorgesehen ist, doch es gibt keinerlei Gewähr bei der Bundesbahn, dass dort die Beine ausgestreckt und der Sitz nach Wunsch geneigt werden kann. Was diesen vermeintlich offensichtlichen Unterschied stark relativiert.

Zumindest ist jetzt klar, weshalb es eine Option bei Flixtrain für das Buchen eines Platzes mit mehr Beinfreiheit gibt. Das Schlafen in den Sitzen fällt jedenfalls schwer – um mich herum kippen in gleichmäßigem Takt Köpfe nach vorn, schrecken die Eingenickten auf und starten einen neuen Versuch. Füg Gegenmaßnahmen gibt es kein Angebot (zumindest hier im Zug): Die Nachfrage, wo ich meine Termotasse wieder mit Kaffee auffüllen kann, wurde mit „haben wir leider keine Möglichkeit“ beantwortet.

Dafür war die erste aufgesuchte Toilette benutzbar, ich bin schon mal ICE gefahren, da gab es im gesamten Zug nur „eine für alle“.

Die Reisegeschwindigkeit erscheint gemütlich, MagicEarth zeigt 150km/h an. Die rollt der Zug zwischen den Haltestellen sehr konstant, kein Wechsel zwischen Schleichen und Rasen. Die Haltezeiten sind vergleichsweise kurz und pünktlich. Das ist umso bemerkenswerter, als es kurz hinter Berlin eine Durchsage gab, ob medizinisches Personal an Bord sei. In Berliner S-Bahnen oder ICs bedeutet das üblicherweise eine Reiseverzögerung ab 30 Minuten aufwärts.

Mittlerweile hat sich die Überzeugung eingestellt, dass sich mein Sitzplatz im zweiten Leben eines Nahverkehrszuges befindet. Neben der Sitzanordung und der für Laptops ungünstigen Tischhöhe sprechen die Fenster dafür: Sie können geäffnet werden. Die Gepäcknetze sind spartanisch, was die technische Ausführung betrifft. Dafür bieten sie maximalen Platz, große Reisetaschen müssen durch kein „Desing-Loch“ gepresst werden.

Zwischenzeitlich mussten wir einen ICE passieren lassen. Darauf erfolgte vor dem Anhalten ein Hinweis. Wer schon mal in einem langsamer werdenden ICE saß, weiß das zu schätzen. Generell gibt es zwar außer der „Besetzt“-Lampe für das WC wenige Informationstafeln im Wagen, doch das Zupersonal ist sehr kommunikativ, die Ansagen für den nächsten Halt kommen inklusive Anschlussmöglichkeiten gut verständlich und frühzeitig.

Ich kam überpünktlich in Frankfurt Süd an – mein Umsteigebahnhof Richtung Mainz. Dort hatte ich etwas über 30 Minuten Aufenthalt, was mir bei der Buchung ärgerlich erschien. Zum Ausfalten der Beine war das allerdings sehr angenehm. Der ICE hätte (s.o.) nahezu die selbe Zeit gebraucht – ohne Option zum „Beine vertreten“. Weshalb es schon irritiert, dass er zwar eigentlich deutlich schneller fährt, doch im Ergebnis genauo viel Zeit braucht. Was die These befeuert, dass rasen kaum was bringt, aber deutlich mehr Energie kostet.

Bei den Zwischenhalten stand auf dem gegenüberliegenden Gleis immer ein ICE. Dort war ordentlich Gedrängel. Was meine These stützt, dass zumindest an meinem Reisetag die Fahrt mit dem ICE keinen Kompfort-Vorteil geboten hätte.

Ich hoffe, Flixtrain baut sein Netz noch stärker aus, denn preiswertere und (zumindest heute) zuverlässige Konkurrenz ist gut für uns Kunden: Es setzt die Bundesbahn unter Druck. Deren Versprechen lassen sich nun vergleichen.

Bei diesem ersten Versuch hat – für mich – Flixtrain sehr deutlich gewonnen. Wobei der Faktor „Freundlichkeit“ im Zug Frankfürt → Mainz subjektiv deutlich niedriger lag und dort zumindest an einer Toilette das vertraute Bild aus ICE-Zügen prangte. Was wohl ein Fingerzeig darauf ist, dass einmaliges Testen keine verlässliche Basis für ein abschließendes Urteil ist.

Der Bildausschnitt stammt von Wikipedia.