Patchwork tritt als direkter Konkurrent von Papyrus auf. Es wird eine beeindruckende Funktionsliste offeriert, mit dem Preis – rund 50 € unter dem Marktbegleiter – eine Duftmarke gesetzt. Wobei mit Verzicht auf den „Duden“ der Preis sogar zweistellig bleibt. Mich hat interessiert, ob das Programm für mich eine Alternative sein könnte.
Warum ich mir Patchwork angesehen habe
Ich schreibe viel. Ziemlich viel. Einerseits sind es direkt Texte für das Internet – wie diesen hier, wofür aktuell Typora mein Favorit ist1. Handbücher und Tagespost werden mit vorbereiteten Vorlagen für LaTeX in Kombination mit dem dafür geschriebenen Editor LyX erstellt. Allerdings fehlt mir da schon das ein oder andere. Beispielsweise die DUDEN-Prüfung des Textes. Da hat mich Papyrus angefixt, denn dort ist dieses Paket sehr gut integriert. Auch Mindmaps und Datenbanken für die Recherche etc. finde ich durchaus nützlich. Wobei mein Fokus auf Handbüchern liegt – wofür Papyrus aus meiner Sicht eher ungeeignet ist.
- Um es vorweg zu nehmen:
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Patchwork taugt dafür meines Erachtens in keiner Weise.
Was nach der Installation auffällt
Das Teil erschlägt dich. Es werden Fragen zu Dingen gestellt, für die sich die Antworten vermutlich erst mit der Programm-Nutzung ergeben. Die Entwickler gehen erkennbar davon aus, dass der Anwender sich vorab über das Programm informiert hat. Genauer: zu informieren hat.
Das signalisiert bereits die Download-Seite, auf der ein rund 14-minütiges Erklärvideo über dem Download-Link die Notwendigkeit intensiver Einarbeitung verdeutlicht. Das Video selbst ist jedoch eher eine Promotion denn Einführung. Mich hat die Machart wenig angesprochen, musikalische Untermalungen in Sachvideos empfinde ich persönlich kontraproduktiv. „Bilder sprechen lassen“ ist grundsätzlich eine gute Idee, allerdings muss der Betrachter eventuell doch ein wenig an die Hand genommen werden, damit klar wird,
- was ich da sehe,
- wofür es gut ist,
- worin der Vorteil dieses Vorgehens liegt,
- wie es in den Gesamtkontext eingeordnet werden muss.
Womit wir schon an einem - für mich - Wesentlichen k. o. - Kriterium des Editors angelangt sind: keine Listen2, keine Tabellen.
Was beim ersten Benutzen auffällt
Das Programm ist träge. Wer einigermaßen flott schreiben kann, bekommt den Editor sogar auf einem ordentlich bestückten Laptop (i7-4600U@2,7GHz, 12 GB Ram, SSD, Windows 10x64) problemlos in Atemnot. Speziell beim Markieren von Textstellen oder dem schnellen Scrollen durch den Text empfand ich das als extrem lästig. Es ist sehr wahrscheinlich den diversen Unterstützerlein geschuldet, die im Hintergrund werkeln. Dass es dort ordentlich zur Sache geht, signalisiert ein kleines Rädchen am unteren Rand, dass sich erschreckend oft und lang dreht, während oben die Eingabe – immer wieder durch Atempausen unterbrochen – erfolgt.
Die Funktion „Nur Schreibfenster“ brachte keine Abhilfe, denn die im Menü angegebene Tastenkombination CTRL
+F10
hob lediglich den Fokus in die Menü-Zeile, nur F10
klappe ein paar Helferlein rechts zu. Der „puristische Modus“ mit ALT
+Y
blendet so konsequent Funktionen aus, dass zwar falsch Geschriebenes markiert, die Korrektur per Kontextmenü jedoch unmöglich wird. Dieser „Vollbildmodus“ ist darüber hinaus kein echter. Es wird lediglich ein Fenster auf Bildschirmgröße aufgezogen, dass mit der Maus verschoben werden kann.
Eine dynamische Einstellung der Textbreite gelingt ebensowenig, wie eine dynamische und optisch ansprechende Größenänderung der Schrift. Das wird zwar mit STRG|CTRL
+Mausrad
unterstützt, dabei kommt die Darstellung jedoch teilweise massiv durcheinander. Text fließt über den Fensterrand und wird übereinander geschoben.
Was beim ausprobieren auffällt
Die Oberfläche wirkt zwar aufgeräumt, allerdings ist sie genau genommen eher chaotisch und umständlich. Was ich als sehr großes Manko empfinde, ist die Tatsache, dass programmübergreifende Standards bei Textverarbeitungen ignoriert werden.
Es wird mit der Trennung zwischen Text und Format geworben, was dem Ansatz von LaTeX oder HTML folgt. Hier wird erkennbar darauf gesetzt, dass ich mich dem Szenen-Konzept von Patchwork unterwerfen muss. Was beispielsweise bei einem kurzen Text über ein paar wenige Seiten extrem nervig und umständlich ist. Augenscheinlich gibt es keinen Weg, mit dem sich ein Satz in eine Überschrift bzw. eine „Szene“ umwandeln lässt oder eine Szene ohne wilde Kopierorgie Teil einer anderen wird. Über die Szenenfunktionen lässt sich zwar ein „unsichtbarer“ Szenenwechsel einstellen, doch das Dilemma bei inhaltlichen Strukturänderungen über Szenen hinweg bleibt bestehen.
Alles spielt sich innerhalb der Szenen ab, die stark voneinander abgegrenzt sind. Sie können zwar mit dem Navigator einfach bewegt werden, durch (in der Beschreibung erwähnte, jedoch unversucht gelassenes) nebeneinanderlegen mehrerer Editor-Fenster dürfte auch kreuz und quer kopieren kein Problem sein, flüssiges Manövrieren über Szenengrenzen hinweg ist jedoch recht aufwendig. Einen „Fließtextmodus“, mit dem sich das elegant lösen ließe, habe ich schmerzlich vermisst.
Was wirklich stört, sind die „Gedenksekunden“ beim Markieren von Text. Außerdem erweist sich das Programm regelmäßig als „unempfindlich“ bei Klicks auf das Menü, Menüeinträge oder dem Aufruf des Kontext-Menüs. Das bedarf schon mal mehrerer Anläufe. Wenn Hinweise unter dem Cursor während des Schreibens stehen bleiben, sollte sich der Mauscursor darauf befinden, ist das bereits ein eher nebensächliches Ärgernis.
Änderungen der Schriftgröße (.s.o.) haben da schon erheblich problematischere Folgen. So wird beispielsweise der Eingabe-Cursor falsch angezeigt. Im nebenstehenden Bild erfolgte der Umbruch („Enter“) fälschlich nach dem Wort; es kann jedoch gleichermaßen passieren, dass der Umbruch irgendwo im Satz erfolgt oder eben irgendwo im Satz weitergeschrieben wird. Wer „blind“ schreibend aus dem Fenster schaut — was 10-Finter-Schreibende wie ich einer bin durchaus tun — bekommt einen verstümmelten Text.
Eine Funktion zum Neuzeichnen des Fensters nach Größenänderung fehlt offenbar. Denn beim Fortsetzen der Erfassung wird lediglich der aktuelle Absatz „optisch gerückt“. Die darüber und darunter liegenden, die durch eine Schrift-Skalierung teilweise richtig übel aussehen, behalten diese Optik.
Abhängig von der Schriftgröße können auch fiese „Löcher“ vor und nach Schriftauszeichnungen entstehen. Wobei die noch größer werden, wenn mehrere Bilder in kurzen Abständen im Text eingefügt werden.
Die „Löcher“ verhalten sich bei der Ausgabe unterschiedlich. Welches Bild da am Ende wie an einem anderen vorbeirutscht und Lücken reißt, lässt sich nur durch Ausprobieren ermitteln.
Keine Lust mehr
Mag sein, dass Patchwork für Novellen oder Romane ein Mörderteil ist. Allerdings reicht mir schon das teilweise ziemlich eigenwillige Verhalten und die Unübersichtlichkeit, die dieser kurze (ca. 4h) Test offenbart hat. Ich verstehe zumindest, warum der Autor im Eingangsvideo vorführt, dass sich Elemente aus der Oberfläche entkoppeln und auf einem großen Bildschirm (oder mehreren) verteilen lassen. Was annehmen lässt, dass dort dann womöglich eine entsprechende Dampframme arbeiten sollte, die dem Cursor Beine macht, wenn er sich bewegen soll. Wie auch bei Papyrus wurde viel in Patchwork hineingestopft, das jedoch nur bedingt harmonisch zusammenspielt. Zweifellos ist ein Arrangement mit den Optionen möglich. Wer es lange genug nutzt und sich in sein Schicksal fügt, wird – dann – vermutlich kaum noch Reibung spüren.
Es mag ebenfalls sein, dass die angebotenen Funktionen harmonischer zusammenwirken können, als es sich mir in der Kürze vermittelt hat. Allerdings betrachte ich ein Schreibprogramm als Werkzeug. Der Erfolg des Hammers basiert auf seiner intuitiven Nutzbarkeit und klaren Fokussierung auf eine Kernfunktion. Wer schon mal mit einem „Multifunktionswerkzeug“ gearbeitet hat, bei dem sich an einen Motor Bohrkopf, Säge, Schleifer und anderes ankoppeln lässt, kann das eventuell nachfühlen. Viel gewollt, aber letztendlich ist es eine Ansammlung von mehr oder minder gelungenen Kompromissen. Keiner davon kann überzeugen. So wirkt Patchwork auf mich.
Bereits in der kurzen Zeit sind mir diverse Ungereimtheiten aufgefallen, für die mir jedoch die Zeit zum Aufzählen schlicht zu schade ist.
Fazit
Patchwork wird wohl keine 30 Tage (=Dauer des Testzeitraums) auf meinem Rechner überleben. Ich habe zwar gestern eine vor Jahren entstandene Rumpfnovell auf meinem Rechner entdeckt, die letztendlich die regelmäßig stattfindende Suche nach neuen Werkzeugen angestoßen und Patchwork überhaupt ins Spiel gebracht hat. Doch allein der Aufwand, diese in dessen Zwangsstrukturen einzuführen, schreckt mich schon davon ab. Da käme mir statt dessen vermutlich eher Papyrus wieder auf den Rechner.
Die gebotenen Zusatzfunktionen haben für mich keinen erkennbaren Mehrwert. Was daran liegen könnte, dass ich sie mir bereits mit anderen, signifikant einfacher bedienbaren und darauf spezialisierten Programmen erschlossen habe. Soweit ich angebotene Funktionen überhaupt benötige.
Wer eine Novelle schreiben will und sich von einem „Namensgenerator für über 40.000 Namen“ beeindrucken lässt – nun gut.
Da sehe ich persönlich die geringste Herausforderung.
In Patchwork stecken viele bekannte, interessante Ideen, die mehr oder weniger geschickt aus anderen Programmen zusammengesammelt und unter einen Deckel gepackt wurden. Eine wirklich inspirierend neue Idee, ein neuer konzeptionellen Ansatz zur Schreibunterstützung ist das Programm keinesfalls. Es bietet viele technische Sperenzchen drumherum, die womöglich hilfreich sein können, wenn der Nutzer sich uneingeschränkt einem wie auch immer gearteten auf Patchwork abgestimmten Arbeitsprinzip unterwirft. Doch der vermeintliche Vorteil des „Alles in Einem“ ist kein zwingender. Dementsprechend komplex wird das Programm in der Bedienung, vor der Nutzbarkeit steht eine steil in die Höhe schießende Lernkurve. Wozu sonst sind so viele Erklär-Videos erforderlich, die das vermeintlich so zweckorientierte Programm erschließen sollen. Hier offenbart sich für mich ein Widerspruch.
Die von mir aktuell genutzten Produkte (s. o.) haben anfangs fraglos ebenfalls wehgetan. Allerdings erweisen sie sich im täglichen Arbeitsprozess als universeller und flexibler, ohne dass ich deshalb auf eine Spezialisierung bei bestimmte Anforderungen verzichten müsste. Im Gegenteil: Ich kann mir aus dem vorhandenen Werkzeugkasten mit geringem Aufwand das erforderliche „Spezialsortiment“ zusammen stellen. Das Wort „spezial“ erweist sich dabei als im doppelten Sinne zutreffend. Denn es sind jeweils Spezialisten in einer Disziplin anstelle eines Generalisten, der sich in vielen versucht.
Ein entscheidendes k. o. – Kriterium zum Schluss
Direkt aus dem Programm ist ein Export in andere Verarbeitungsformate unmöglich. Das wurde schmerzlich erkennbar, als dieser Artikel hier auf diese Seite sollte. Es wird zwar ein spezieller externer „Viewer“ angeboten, mit dem sich jederzeit Projekte retten lassen würden, falls es mal mit Patchwork vorbei sein könnte. Der bietet jedoch nur ein sehr übersichtliches Format-Sortiment: „doc, rtf“ – fertig. Außerdem kann er nur einzelnen Szenen laden. Dass dabei eingefügte Bilder ignoriert werden, spielt da fast schon keine Rolle mehr.
Kein Unterstützung für die Ausgabe eines Projekts in ein zusammenhängendes Export-Format zur Weiterbearbeitung?
Das muss mühsam „zusammengeklöppelt“ werden?
Inakzeptabel.
Die Screenshots entstammen dem Programm, dass heute (09.08.2019) auf der Download-Seite von Patchwork angeboten wurde. Das „Produkt-Logo“ ist ein Screenshot der Startseite (Link s. o.) des Herstellers. Alle Bilder dienen der Dokumentation der im Text erläuterten Effekte. Abgesehen von „draufzeigen oder einkringeln“ handelt es sich um unbearbeitete Screenshots.
1Dieser Text wurde zwar ursprünglich mit Patchwork geschrieben. allerdings lässt sich von dort kein Text zusammenhängend in ein „freies Format“ exportieren. Deshalb musste ich ihn manuell aus Patchwork zu Typora kopieren. Dabei gingen alle Auszeichnungen (kursiv, etc.) verloren und mussten nachgearbeitet werden.
2Diese Listendarstellung hier im Dokument hat Typora via Markdown generiert. Nativ kann Patchwork nur Spiegelstriche – was ziemlich erbärmlich aussieht, insbesondere, wenn es mehrstufig werden soll. Was ohne Tabulator schwierig wird…