Typora - der getarnte Markdown-Editor

Mit Typora gibt es einen Markdown-Editor, der das verschleiern und wie ein „WYSIWYG“1-Schreibwerkzeug daher kommt. Der Ansatz ist gut, doch es gibt die üblichen „Haken und Ösen“. Aktualisiert!

Arbeitsfenster Typora

Darstellung

Gegenüber der bei anderen Editoren üblichen Zwei-Fenster-Technik hat der Ansatz von Typora zweifellos den Charme, dass Eingabestelle und Ergebnis-Anzeige ein und das Selbe sind. Von der Anmutung also wie ein stark abgespecktes MS-Word oder Open-/LibreOffice. Denn das können „die“ von Haus aus. Allerdings nur so, was die Idee hinter Typora erkennen lässt. Trotz einer möglichst einfachen Eingabe und Kontrolle des Geschriebenen soll der Text in einem Format bereit stehen, dass sich bequem anderweitig verarbeiten lässt.

Editor

Zweifellos liest sich ein Text ohne strukturelle Codierung deutlich angenehmer. So erzeugt beispielsweise die integrierte Rechtschreibkontrolle kein Blutbad für im Text dargestellte Hyperlinks, die Bereitschaft zur Kontrolle der roten Wellenlinien und deren Nutzen steigt damit erheblich. Was mir gut gefällt ist der unlearn-Schalter bei der Rechtschreibkorrektur. Ein versehentlich als „richtig“ gespeichertes Wort lässt sich damit per Klick wieder aus dem Wörterbuch werfen. Das ist bei anderen Programmen meistens erheblich komplizierter.

Damit die Bearbeitung des rohen Textes möglich ist, expandiert Typora die Markdown-Codierung unterhalb des Cursors. Da wird mit dem Cursor durch einen Text flitzen schon mal anstrengend. Außerdem kann es leicht passieren, dass eine Auszeichnung (z.B. ein Sternchen für kursiv) beim Einfügen von Text dahinter verloren geht. Hier kommt offenbar der Darstellungsumschalter aus dem Tritt.

Import, Export und Darstellung

Für Import und Export wird Pandoc verwendet. Das ist der Quasistandard bei diversen Markdown-Editoren, was neben reproduzierbaren Ergebnissen den möglichen Sprachumfang definiert. Allerdings fehlt mir spontan die „Definitionsliste“, die von einigen Interpretern – und Pandoc – unterstützt wird:

Definition
: Eingerückter Absatz für die Beschreibung der Definition.

Das ist Typora offenbar unbekannt. Aussehen sollte es (idealerweise) so:

Beschreibung

Eingerückter Absatz für die Beschreibung der Definition.

Dafür werden andere Spracherweiterungen unterstützt, die speziell bei der Weitergabe von Text an andere Interpreter ingoniert werden, wie beispielsweise ~~durchgestrichen~~ oder unterstrichen. Dafür werden unterschiedliche Strategien verwendet. Die Durchstreichung wird mit einer Doppelwelle ~~ realisiert, während für die Unterstreichung HTML-Code <u>…</u> eingefügt wird. Das ist aus meiner Sicht inkonsistent.

Zusätzlich sollen Ergänzungen für mathematische Formeln mit LaTeX-Typographie oder Flussdiagramme unterstützt werden. Die Darstellung eines Mermaid-Diagramms und anderer Formate (von der Support-Seite kopiert) ist bei mir gescheitert. Mir wurde lediglich der Quellcode angezeigt. Auch der Export brachte keine Abhilfe.

Was für mich ein deutliches Zeichen ist. Das sind Erweiterungen, deren Nutzung dem Ansatz der einfachen Übertragbarkeit des Textes widersprechen. Eine formatübergreifende Integration, z.B. als automatisierte Umwandlung in ein SVG2 fehlt und das Vorhandensein sowie die Unterstützung der jeweiligen Code-Interpreter voraussetzt. Was die Nutzbarkeit der Funktion aus meiner Sicht fragwürdig macht.

Im Kurztest

Beim Herumprobieren mit der Diagramm-Einstellung sind mir einige Ungereimtheiten bei der Bedienung aufgefallen. Beispielsweise zerstört das Löschen eines Absatz-Endes vor einer Fußnote in der Standardansicht die Fußnote. Das konnte ich nur in der Code-Ansicht reparieren. Die liegt allerdings auf einem Tastatur-Shortcut, der auf meiner Tastatur (deutsches Layout) wirkungslos ist. Hier ist hilfreich, dass die Menüsteuerung via Tastatur unterstützt wird. Was jedoch zu völlig anderen Tastenfolgen führt und grundsätzlich wenigstens zwei Tasten erfordert (Menü aufklappen, Buchstabe für Menü-Eintrag). Weil in fast jedem Menü mehrere Einträge mit dem gleichen Anfangsbuchstaben enthalten sind, muss der ggf. mehrfach gedrückt und die gewünschte Auswahl geprüft werden. Das schränkt die rein Tastatur-getriebene Eingabe zumindest auf der deutschen Tastatur erheblich ein.

Daher habe ich etwas ziemlich verrücktes gemacht: ich habe die Doku gelesen (Hilfe → Quickstart). Und siehe da:die Tastensteuerung lässt sich unter Windows mit einer Konfigurationsdatei einstellen. Die Umschaltung auf den Quellcodemodus lässt sich dort einfach anpassen:

…
// Custom key binding, which will override the default ones.
  "keyBinding": {
    // for example: 
    // "Always On Top": "Ctrl+Shift+P"
    "Quellcodemodus": "Ctrl+Q"
  },
…

Auf diese Weise ist es wahrscheinlich möglich, für unterschiedliche Sprachen anhand des Menüeitrags jeweils passende Shortcuts einzustellen. Was jedoch eher akademisch ist. Spannender ist die Tatsache, dass sich Typora damit auf andere Werkzeuge synchronisieren lässt.

Der Hilferuf zeigte eine weitere interessante Fähigkeit von Typora: es kann mehrere Fenster öffnen, die sich mit ALT+Tab wechseln lassen. Über die Seitenleiste lässt sich der Inhalt des Datei-Ordners anzeigen, was die organisation mehrere Dateien z.B. in Kapitel sehr einfach gestaltet. Hier fehlt dann allerdings die Möglichkeit eines geteilten Fensters, damit sich zwei Kapitel nebeneinander darstellen lassen. Außerdem fehlt eine dateiübergreifende Suche.

Dass es eine Suche gibt, offenbart STRG+F. Es öffnet sich eine unscheinbare Eingabezeile am oberen Rand, die auf Ersetzen expandiert werden kann. Dass diese Funktion im Menü Bearbeiten weg gelassen wurde, könnte an der Menü-Länge liegen. Das ließe sich jedoch sicherlich besser strukturieren, um Standardfunktionalität dort anzubieten, wo sie üblicherweise gefunden werden kann.

Was ich von Typora halte

Ehrlicherweise bin ich zwiegespalten:

Pro

Das Installationsprogramm (für Windows) hat Typora sauber installiert. Die vorhandene Installation von Pandoc wurde erkannt, zumindest stand der Export direkt zur Verfügung. Daher war es adhoc nutzbar, die Anmutung sehr angenehm. Für „einfach los schreiben“ ist das sehr überzeugend.

Gegenüber anderen mir bekannten Editoren ist die Internationalisierung sehr durchgängig. So waren die Menüs direkt nach der Installation deutsch, die Rechtschreibkontrolle korrekt auf „Deutsch“ eingestellt.

Die hohe Konfigurierbarkeit, sowie einige nützliche und innovative ideen machen Typora durchaus interessant.

Kontra

Es fehlen wichtige Werkzeuge, die für das Arbeit in umfangreicheren Dokumenten notwendig sind. Letztendlich hat Typora genau den gleichen Mangel wie viele andere Markdown-Editoren: solange es ein einigermaßen übersichtlicher Text ist, lässt es sich recht schick arbeiten. Doch bei der Ausgabe werden sie alle recht schmal-lippig und übergeben die Aufgabe an Pandoc. Das lässt sich zwar ziemlich flexibel konfigurieren, doch in mir bekannten Markdown-Editoren und auch Typora gibt es keine Möglichkeit zur Auswahl eines „Templates“ für die Ausgabe. Das muss dann doch wieder „zu Fuß“ erledigt werden. Hier reiht sich Typora bei den irgendwie nett, aber noch reichlich Luft nach oben-Editoren ein.

Fazit

Für „mal nett schnell was schreiben“ ist Typora durchaus ein interessantes Werkzeug. Zumindest, so lange es als kostenlose Beta verfügbar ist. Die Preisvorstellungen der Anbieter ist noch unklar, im Vergleich zu anderen Anbietern dürfte jedoch alles jenseits 30 € nur schwer darstellbar sein.

Letztendlich bietet Typora zwar einige schöne Ansätze, im Kern allerdings doch nur hinlänglich Bekanntes. Ob die aufwiegen, was in einem leistungsfähigen (kostenfreien … ) Editor wie z.B. Notepad++, SynWrite oder PSPAD an Mehrwert für die direkte Bearbeitung dagegen steht, hängt von den persönlichen Vorlieben oder Anforderungen ab.

Wenn umfangreichere Texte mit Markdown erstellt werden sollen, könnte Manuskript ein interessanter Anwärter werden (aktuell noch ziemlich instabil). Typora bleibt (vorerst) auf dem Laptop und wird sicherlich immer mal wieder rangenommen. Vielleicht wächst die Liebe ja noch. Für die meisten Projekte werde ich wohl – trotz der mit Typora um einen weiteren gewachsenen Liste der Editoren – weiterhin die normalen Texteditoren nehmen, weil dort für mich wichtige Funktionen (Dateiübergreifende Suche, RegEX-Suche, Textblöcke verschieben, …) vorhanden sind, die bei den Markdown-Spezialisten typischerweise fehlen.

Nachtrag

22.11.2018

Mit meinem ersten Urteil war ich etwas vorschnell. Getrieben von purer Neugier habe ich mir Typora auf die Taskleiste gelegt und es die letzten Tage des Öfteren verwendet. Immer öfter.

Ansicht

Dieses In-Place-Preview ist charmanter als erwartet. Es erhöht die Übersicht bei Texten ungemein. Die integrierte Rechtschreibkontrolle ist die beste, die ich bisher bei Markdown-Editoren angetroffen habe. Sie ist lediglich manchmal etwas träge. Dafür werden auch komplexe zusammengesetzte Worte sauber erkannt. Wie alle anderen auch, erkennt sie keine Semantik, weshalb richtige Worte trotzdem Unsinn ergeben können.

Markdown-Ansicht

Mit der Umschaltung auf die Markdown-Ebene lassen sich Eingabeprobleme lösen. Ob die Editor-bedingt oder an fehlendem Wissen meinerseits liegen, betrachte ich als sekundär. Entscheidend: es ist einfach lösbar.

Pandoc

Meine Annahme, Typora habe das installierte Pandoc erkannt, war falsch. Es bringt von Haus aus PDF- und HTML-Export unter Windows mit. Das verriet ein Klick auf Datei → Improtieren. Und mir, dass ich Pandoc nur anwendungsbezogen nutze und keine global verfügbare Installation habe. Weil ich aktuell für die mit Pandoc zusätzlich verfügbaren Formate keine Verwendung habe, bleibt das erst einmal so.

Themen

Etwas irritierend ist die simultane Umschaltung der Darstellungsthemen, wenn mehrere Fenster geöffnet sind. Alle Typora-Fenster verwenden zwangsweise das gleiche Anzeige-Thema, was eine themengesteuerte Unterscheidung verschiedener Dokumente unmöglich macht.

Gedenk-Sekunden

Gelegentlich habe ich beim Schreiben das Gefühl, dass Typora kurz aus dem Tritt kommt. Vermeintlich springt der Cursor beim Bewegen etwas unmotiviert, oder die Eingabe hängt, die nach einer Gedenk-Sekunde – die auch mal länger als eine Sekunde dauern kann – mit einem Sprint die Eingabe aufholt. Was da genau passiert, ist mir noch unklar. Ebenso das nervöse Zucken in der Menü-Leiste, wenn eine Hilfe-Datei von Typora (in Typora) geöffnet wird. Der geändert-Punkt • blitzt kontinuierlich auf und verschwindet wieder, was das darauf folgende „-Typora“ etwas nervig am oberen Rand springen lässt.

Fehlerhafte Erweiterungen

Etwas unschön ist die Erweiterte Notation auf hochgestellte und tiefgestellte Zeichen, die fehlerhaft arbeitet. Sobald ein Leerzeichen darin vorkommt, zerlegt es die Formatierung. Wer das braucht, muss notgedrungen auf <sub> oder <sup ausweichen, wofür freundlicherweise die schließenden Elemente bei Eingabe von < am Ende angeboten werden. Hervorheben und Durchstreichen klappt zwar, bleibt jedoch bei Übernahme in andere Markdown-Systeme typischerweise unerkannt und ist dann unschön.

Verschwindender Cursor

Wenn am Dokument-Ende der Cursor vermeintlich verschwindet, liegt das an einem Fehler des Scroll-Balkens. Er rollt nur bis zur vorletzten Zeile, wenn der Cursor mit den Pfeiltasten in die letzten bewegt wird. Denn die letzte Zeile ist noch virtuell, weil dort die nächste Einfügeposition wäre, während der Rollbalken nur echte Zeilen anzeigt. Das kann leider den Effekt haben, dass schreiben am Zeilenende im Blindflug erfolgt, weil die Zeilen immer eine zu spät nach oben rollen.

Das lässt sich mit einer Ergänzung im Thema etwas entschärfen. Dafür body mit padding-bottom:3em; ergänzen. Nach einem Neustart wird bis zum Schluss gerollt – auch mit den Pfeiltasten.

Bei Leerzeilen am Ende kann der Cursor leider trotzdem noch verschwinden. Wem das regelmäßig passiert, kann den Darstellung → Schreibmaschienenmodus aktivieren. Damit wird die Eingabezeile immer in die vertikale Mitte gezogen.

Suchen und Ersetzen

Zwischenzeitlich habe ich auch Suchen und Ersetzen gefunden. Es ist im Bearbeiten-Menü unerwartet der letzte Eintrag.

Was mir gerade beim schreiben dieser Zeile als schmerzlicher Mangel auffällt, sind die fehlenden Sprungmarken. Behelfsweise lässt sich dafür die Gliederung missbrauchen und mittels STRG++ eine temporäre Überschrift setzen. Die steht dann allerdings im Text und muss am Ende entfernt werden.


  1. WhatYouSeeIsWhatYouGet: „du siehtst was du kriegst“ ↩︎

  2. Scalable Vector Graphic: skalierbare Vektorgrafik, die verlustfrei in verschiedenen Auflösungen dargestellt werden kann. ↩︎